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Meldung vom: 23.11.2009

Prabhu Guptara über institutionalisierte Habgier

In einem Interview mit der Zeitschrift FORUM – NACHHALTIG WIRTSCHAFTEN deckt der Weltökonom Prof. Prabhu Guptara von Regierungshand konzipierte Entwicklungen auf, die zum Ausufern der Geldgier führten: Institutionalisierte Habgier. Damit wurde im 20. Jahrhundert eine Wohlstand fördernde christliche Wertekultur zerstört. Umkehr ist angesagt.

Prabhu Guptara

Newsletter Oktober/09: PROFESSORENforum

Wie können wir den Zustand der Privatisierung der Profite und der Vergesellschaftung der Verluste ändern?

Ein Gespräch mit Prof. Prabhu Guptara

Die US-Immobilienkrise hat gezeigt, dass maßlose Rendite die Menschen habgierig werden lässt, was selbstverständlich enorme Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. Wie können wir zukünftig im Falle eines Versagens der zuständigen Autoritäten negative Effekte auf die Wirtschaft vermeiden?
Meine Sicht dieser Krise weicht ein wenig von der allgemeinen Meinung ab. Ich möchte zunächst einige Anmerkungen dazu machen. Die meisten Krisen treffen die Durchschnittsbürger viel härter als die Wohlhabenden: Wenn ich reich bin, kann ich 99 % meines Vermögens verlieren und in den meisten Fällen immer noch gut leben. Wenn ich jedoch arm bin und nur zehn % meines Einkommens verliere, werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit in ernsthafte Schwierigkeiten geraten.

Also verlieren Geringverdiener in den USA ihre Eigenheime und bekommen Probleme bezüglich ihrer Bonität?
Ganz genau. Dazu gibt es viele versteckte Belastungen, die über die rein finanziellen Kosten hinausgehen. Wenn man nur fünf Jahre in die Zukunft blickt, wird man sehen, dass in den betroffenen Gruppen die Scheidungsraten steigen werden, der Stress wird die Gesundheit negativ beeinträchtigen, die Kriminalitätsrate wird in die Höhe schießen und so weiter und so fort. All das sind sogenannte Externalitäten, die von der gängigen Wirtschaftstheorie nicht einkalkuliert werden. Meine Analyse der Immobilienkrise ist daher eine viel umfassendere. Ich beurteile das Thema lieber von einem makroökonomischen und kulturellen Blickwinkel aus. Einfach gesagt: Die Krise ist das Ergebnis einer institutionalisierten Habgier. Seit der Konferenz von Bretton Woods sind Währungen nicht mehr durch Gold, Silber oder andere realen Anlagen gedeckt. Das ist zumindest eine grundsätzliche Ursache für diese Krise und für die meisten Krisen davor.

Warum haben die Regierungen die Lösung ihrer Währungen vom Goldstandard akzeptiert?
Weil eine gedeckte Währung das Wachstum verlangsamt. Genauer gesagt ist das Ergebnis ein stabiles aber langsames Wachstum. Die Lösung der Währungen von realen Anlagen erlaubt den Zentralbanken, die Währungen viel stärker zu manipulieren - und das meine ich im positiven Sinne. Das kann und hat bereits zu beschleunigtem Wachstum geführt, auch wenn dieses Wachstum instabil ist. Heutzutage versuchen alle politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Autoritäten das Wachstum zu beschleunigen, was zu inflationärem und unsolidem Wachstum führt. Was Regierungen als "Inflation" definieren, bezeichnet übrigens nur die Inflation der Preise eines bestimmten Korbes von Konsumgütern. Zentralbanken versuchen das Phänomen der Inflation basierend auf der Definition eines Warenkorbes, der "normale" Konsumgüter repräsentieren soll, zu begreifen. Aber die Inflation trifft auch andere Bereiche wie Verkehr, Studiengebühren, Heizkosten, Gold und andere alternative Anlagen, Immobilien sowie Gesundheitskosten, die nicht in diesen Warenkörben sind. Wenn von den Zentralbanken zuviel Geld gedruckt wird, was bereits seit einigen Jahrzehnten passiert, wird dieses Geld investiert. Das Geld, das nicht die Inflation der Waren in diesen Körben steigert, wird in die Inflation anderer Waren gehen. Nehmen wir ein naheliegendes Beispiel: In London ist es heutzutage für einen normalen Menschen, sagen wir einen Lehrer, einen Studenten oder einen Taxifahrer, fast unmöglich, ein Haus zu kaufen oder zu mieten. Die Löhne bleiben seit 20 Jahren so gut wie gleich - oder sie fallen sogar. Heutzutage einen Kaffee in einem Restaurant zu trinken, ist jedoch ungleich teurer als früher. Das bedeutet, dass Preise der einen oder anderen Ware steigen werden, solange zuviel Geld gedruckt wird. Wenn die Preise von Waren in den definierten Körben steigen, spricht man von einer steigenden Inflation und Regierung und Öffentlichkeit machen sich Sorgen. Wenn jedoch die Preise von Waren außerhalb dieser Körbe steigen, macht sich niemand besondere Sorgen, obwohl das bedeutet, dass das Leben für den Durchschnittsbürger tatsächlich immer schwieriger wird. Andererseits bieten diese "offenen und liquiden" Märkte viele Möglichkeiten für Unternehmer, so schnell wie möglich so viel Geld wie möglich zu erwirtschaften - und das ist an sich natürlich nicht gänzlich schlecht.

Wollen Sie damit die sich verbreitende "Fast Buck"-Mentalität ansprechen? Genau! Nehmen wir ein weiteres Beispiel institutionalisierter Habgier: Banken müssen für ihre Kredite nur acht Prozent als Sicherheit garantieren. Das bedeutet, dass sie das Zwölffache dessen, was sie tatsächlich als in den Konten angelegtes Geld besitzen, verleihen können. Soll das in Zeiten der Unsicherheit eine solide Basis für eine Wirtschaft sein? Nehmen wir noch ein weiteres Beispiel: Fast alle finanziellen Institutionen fördern instabiles Wachstum durch Fremdkapitalaufnahme. Ein weiteres trauriges aber wahres Beispiel: Nehmen wir an, ich wäre Millionär. In Futures zu investieren, ist ohnehin kein leicht verdientes Geld, aber bei Optionen auf Futures - sogenannten Derivaten zweiten Grades - kann man wegen des Leverage-Effekts noch viel mehr Geld verlieren oder gewinnen, da man nur einen kleinen Betrag, eine sogenannte Marge, für eine komplizierte Put- oder Call-Option auf einen Index oder eine Aktie anlegen muss.

Lassen Sie uns auf Bretton Woods zurückkommen. Die dort getroffenen
Vereinbarungen wurden nicht von Milton Friedman sondern von Politikern
verabschiedet, nicht wahr?

Richtig, Bretton Woods war nur der erste politische Wendepunkt. Der zweite kam, als Reagan und Thatcher begannen, Habgier positiv darzustellen. Sie rissen die letzten Mauern der christlichen Moral nieder. Sehen Sie, warum wohl wurde Europa, eine Region, die bis in das 16. Jahrhundert eine der ärmsten war, im 19. Jhd. zu einem der reichsten Erdteile? Einer der Schlüsselfaktoren war die Reformation, die eine an den Lehren der Bibel orientierte Kultur schuf, in der eine angemessene, ehrliche Qualitätsleistung im Austausch für einen angemessenen Profit gefordert wurde. Diese Kultur wurde von Eliten in den 1880er Jahren in Europa und den 1930er Jahren in den USA systematisch mithilfe der Evolutionstheorie untergraben. Ein Wirtschaftsleben, das Habgier in einen göttlichen Status erhebt, entstand erst Ende des 20. Jahrhunderts. Das sind die Wurzeln der gegenwärtigen Kultur einer institutionalisierten Habgier, der Finanzsteuerung und letztendlich der gegenwärtigen Krise. Der Ausdruck "aktive Bilanzgestaltung" existierte bis vor Kurzem überhaupt nicht. Heute sehen wir kein Problem darin, Unternehmen zu verlagern, nur um Steuerzahlungen zu minimieren und Profit zu maximieren. In einer Kultur, die noch nicht vom Darwinismus beeinflusst war, hätte man solches Vorgehen als unmoralisch bezeichnet. Wir haben uns von einer Kultur, die Habgier als unmoralisch und angemessenen Profit als gut ansah, in Richtung einer Gesinnung der schnellstmöglichen Profitmaximierung entwickelt. Und das ist nicht die einzige Krise. Wenn wir zurückblicken, fällt auf, dass die Krisen im Vergleich zu den letzten 20 Jahren in ihrer Häufigkeit und Härte außergewöhnlich zunehmen. Wir leben in einer kranken Kultur mit kranken Motivationen der globalen Wirtschaft. Der ganze Aufbau ist grundsätzlich falsch.

Wie können wir den Zustand der Privatisierung der Profite und der Vergesellschaftung der Verluste ändern?
Die Geschichte zeigt, dass immer dann, wenn Eliten versuchten, nur ihren eigenen Profit zu maximieren, gewaltsame Revolutionen die Folgen waren. Wenn man also an der Macht ist und eine gesellschaftliche Revolution verhindern will, sollte man sich klar machen, welche Kultur man hervorbringt, welches Verhalten man toleriert und welche Menschen man unterstützt.

Lesen Sie das Interview hier weiter (Newsletter Oktober/09, www.professorenforum.de)!


Prof. Prabhu Guptara, 59, war Vorsitzender, Geschäftsführer und Vorstandsmitglied verschiedener Organisationen. Er ist Jury-Mitglied mehrerer Wirtschafts-, Literatur- und Management-Wettbewerbe, unterrichtet MBA-Klassen und betreut Ph.D.-Programme. Sein Name steht im Verzeichnis von Debrett's People of Today.

www.prabhuguptara.blogspot.com
Quelle: Plattform Nachhaltig Wirtschaften, 11.03.2008

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