"So erlebe ich die Krise"
Die anhaltende Wirtschaftskrise ist für viele Betriebe die schwerste Herausforderung, der sie sich je gegenüber sahen. Raimund Würz (51) ist Inhaber einer Unternehmensgruppe von vier Firmen mit insgesamt 120 Beschäftigten. Schwerpunktmäßig beliefert er die Automobilindustrie und den Maschinenbau. Würz war schon sowohl als Teilnehmer, als auch als Fachaussteller auf dem Kongress christlicher Führungskräfte. Er macht trotz aller Schwierigkeiten auch in der Krise positive Erfahrungen – im persönlichen Bereich und in seinem Verhältnis zu Gott. Mit ihm sprach Rainer Küchler.Herr Würz, seit rund einem Jahr hält die Wirtschaftskrise viele Unternehmen im Würgegriff. Inwieweit ist Ihre Firmengruppe davon betroffen?
Die Krise traf uns mit voller Wucht in Mark und Bein. Im größten Firmenbereich mussten wir Umsatzrückgänge von über 40 % hinnehmen. Einige unserer Kunden haben Insolvenz angemeldet, was nochmals zur Verschärfung beigetragen hat. Anfangs haben wir gedacht, unsere Telefonanlage sei defekt, weil kaum noch Kundenanrufe kamen. Leider war die Telefonanlage in Ordnung. Stattdessen hatte uns die Krise erreicht.
Wie reagiert die Belegschaft auf solche Negativ-Nachrichten?
Nach vielen guten Jahren sind die Menschen zutiefst verunsichert. Viele wirken bedrückt. Das löst bei manchen natürlich auch negative Reaktionen, wie z. B. Unzufriedenheit, aus.
Nun gibt es ja keine Patentrezepte, um diese Krise zu überwinden. Wie versuchen Sie, ihr zu begegnen?
Erst einmal haben wir natürlich die uns zur Verfügung stehenden gesetzlichen Möglichkeiten ausgeschöpft. Wir haben Kurzarbeit eingeführt und die Arbeitszeiten um 10 % reduziert. Außerdem sind die Überstunden weggefallen. Leider mussten wir auch einige Mitarbeiter entlassen.
Da wundert es ja nicht, dass die Belegschaft unsicher und unzufrieden ist.
Natürlich! Keiner weiß ja, wie es weiter geht. Aber es ist ja nicht so, dass wir untätig sind und die Dinge ihren Lauf nehmen lassen.
Also gibt es doch Rezepte, der Krise zu begegnen?
Rezepte nein, Möglichkeiten ja. Wir investieren u. a. viel Geld in die Entwicklung neuer und zukunftsfähiger Produkte im Energiebereich. So arbeiten wir an Lösungen, um aus Abwärme Strom zu gewinnen. Dafür haben wir ein neues Unternehmen gegründet. Darüber hinaus haben wir einen Kunden aus der Insolvenz übernommen, um den Markt zu behalten und zusätzlich auch neue Märkte zu erschließen. Und ansonsten natürlich Kosten sparen, wo es nur geht.
In Krisenzeiten Unternehmen zu gründen und andere zu kaufen ist ja mit einigem Risiko behaftet. Hat so etwas in solchen Zeiten überhaupt Platz?
Jammern alleine hilft nicht weiter. Gerade in schlechten und unsicheren Zeiten muss man auch den Mut haben, Chancen zu nutzen. Kalkulieren sollte man das Risiko aber schon.
Haben Sie richtig kalkuliert?
Das möchte ich heute (noch) nicht behaupten. Ich kann aber sagen, dass wir mit den neuen Unternehmen gut gestartet sind. Von daher bin ich zuversichtlich.
Hat sich für Sie auch persönlich in den Monaten der Krise etwas geändert?
Ich würde sagen, dass sich durch die Krise meine Beziehung zu Gott vertieft hat.
Das bedeutet?
Jetzt, wo ich manche Dinge teilweise nur begrenzt in der Hand habe, habe ich ganz neu gelernt, Sorgen an Gott abzugeben und ihm noch tiefer und weiter zu vertrauen.
Das heißt, es war mal anders?
Kein Mensch wird Gott jemals so vertrauen, wie er sollte und wie Gott es sicherlich gerne hätte. Wir versuchen doch ständig, vieles selbst zu regeln. Ich bin da keine Ausnahme. Die Krise hat mir aber gezeigt, dass Gott da ist, gerade wenn es nicht so läuft, wie man es sich wünscht.
Können Sie das beschreiben?
Ein wichtiges Erlebnis, das ich neulich hatte, macht das deutlich. Für meine kürzlich übernommene Firma brauchten wir dringend einen neuen Auftrag, um die Mitarbeiter weiter beschäftigen zu können. Als letzte Chance diesen Auftrag zu bekommen, flog ich nach Russland, etwa 600 Kilometer nordöstlich von Moskau. Aber die Verhandlungen fanden in einer frostigen und wenig freundlichen Atmosphäre statt. Zwei Monate später hatte ich den so dringend benötigten Auftrag nach vielen Telefonkonferenzen immer noch nicht und irgendwann musste ich mir eingestehen, dass die Verhandlungen gescheitert waren. Was nun? Sollte ich nach kurzer Zeit mit dem neuen Unternehmen scheitern? Musste ich die kürzlich eingestellten 20 Mitarbeiter jetzt wieder entlassen? Ich war mit meinen Möglichkeiten am Ende. Aber Gottes Möglichkeiten waren nicht am Ende. Innerhalb einer ganz kurzen Zeit schickte er mir ein Unternehmen aus Schweden, das genau diese Sondermaschine brauchte. Und: Sie waren auch noch Christen und Mitglieder einer Baptistengemeinde. Normalerweise dauert der Verkauf einer solchen Maschine 6-12 Monate, Gott ließ es hier in gut 14 Tagen geschehen. Und eines kommt noch hinzu: Alle halbfertigen Teile der Maschine konnte ich jetzt deutlich günstiger einkaufen als zu dem Zeitpunkt, der für das Geschäft mit dem russischen Kunden geplant war. Den schwedischen Brüdern konnte ich jetzt eine günstige Maschine verkaufen, so war uns allen geholfen. Diese Fügung möchte ich schon unter „Handeln Gottes“ verbuchen. Wir können Gott nicht genügend dafür danken.
Inwieweit wird die Familie von der Krise belastet?
Das ist ganz unterschiedlich. Die Reaktionen gehen von Ängsten bei den Kindern bis hin zur Gelassenheit bei meiner Frau.
Die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute haben in ihrem Herbstgutachten für 2010 ein Wirtschaftswachstum von 1,2 % prognostiziert. Wenn das eintritt: Ist die Krise damit für Sie beendet?
Ich befürchte, dass die Branchen, in denen wir tätig sind, nur wenig von dem Wirtschaftswachstum profitieren werden. Wenn überhaupt, erwarten wir nur eine sehr leichte Besserung. Vermutlich müssen wir noch lange mit und in dieser Krise leben.
Ändern Sie in Ihrem unternehmerischen Handeln zukünftig etwas, um etwaigen Krisen besser begegnen zu können?
Die zwei Hauptunternehmen sind unterschiedlich stark von der Krise betroffen. Hier zeigt sich, wie gut der biblische Ratschlag ist, der im Buch des Predigers Salomo steht: Man soll seine Ladung auf mehrere Schiffe verteilen. Vor diesem Hintergrund werden wir auch verstärkt auf Zukunftsbranchen, wie z. B. erneuerbare Energien, setzen.
Welchen Ratschlag würden Sie betroffenen Unternehmern geben, die auch Christen sind?
Immer wieder neu die Nähe zu Gott suchen, zu beten, Ihm zu vertrauen. Ich wünsche allen auch einen gewissen Mut, mit Gott über Mauern springen zu wollen.
Wir danken für das Gespräch.


